Konflikte durch unausgesprochene Erwartungen und Überlastung bei jungen Eltern

liebevoll verfasst von 
Ina
veröffentlicht am 2. September 2019 in der Kategorie ,
in 7 Minuten lesen

Jennifer und Tom sind ein eingespieltes Liebespaar. Als beide zum ersten Mal Eltern werden, stellt sich ihre Welt auf den Kopf. Sie sind nun auch ein Elternpaar. Neue Erwartungen an den/die jeweilige/n Partner/in und die neuen Rollen als Mutter und Vater bringen große Herausforderungen mit sich.

Hinweis: Die Personen sind frei erfunden. Die Konversation stammt aus Erzählungen, Coachings oder Büchern.

Ein eng verbundenes Liebespaar

Als Jennifer den Schwangerschaftstest in den Händen hielt blieb gefühlt die Welt stehen. Sie starte den Teststreifen an und wartete auf eine zweite Linie. Fünf Minuten später war das Ergebnis klar zu erkennen. Sie war schwanger! Sie freute sich, denn so hatte sie sich immer alles gewünscht. Sie ist 28 Jahre alt, hat eine abgeschlossene Ausbildung und pflichtbewusst wie sie immer war, auch ein paar Jahre bei ihrem Ausbildungsunternehmen in Hamburg gearbeitet.

Mit Tom war sie seit fünf Jahren zusammen und seit zwei Jahren verheiratet. Ein perfektes Team- „wie Arsch auf Eimer" sagten Freunde bei der Hochzeitsfeier.

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Carl wird geboren, es entstehen Konflikte

12 Monate später. Der kleine Carl schreit. Eine Situation, die schon oft vorgekommen ist.

Du musst ihn wieder stillen! Ich bekomme ihn ja eh nicht beruhigt

Tom läuft mit Carl im Wohnzimmer auf und ab.

Ich habe ihn vor 20 Minuten erst gestillt! Vielleicht kannst du ja auch mal versuchen ihn zu beruhigen. Spiel mit ihm oder schau mal ob er die Windeln voll hat.

Jennifer sitzt genervt am Küchentisch. Die letzten Nächte waren hart. Carl weint schnell wenn er wach wird und Jennifer kann, nachdem er von ihr gestillt wurde, nicht gleich wieder einschlafen. Ausserdem wollte sie jetzt gerne etwas essen und duschen. Es ist doch Wochenende und sie sehnte sich die ganze Woche schon nach einer Entlastung durch Tom.

Ich glaube die Windel ist leer.

Guck doch bitte einfach mal nach! Man, das kann doch nicht so schwer sein.

Jennifer steht auf und geht zu Tom. Carl weint immer noch.

Na los, gib ihn mir, ich mache ihm eine Windel.

Ich dachte, du möchtest etwas essen und duschen?

Jennifer wird lauter.

Ja! Das möchte ich auch! Aber so kann ich nicht essen. Und du hast ja keine Lust, ihm eine Windel zu machen!

Toms Stimme erhebt sich ebenfalls.

Das stimmt doch gar nicht!
Du traust mir anscheinend gar nichts zu. Jetzt nimmst du ihn mir ja schon wieder ab. Dann macht euer Ding alleine. Ich mache ja eh nichts richtig hier. Aber beschwere dich nachher nicht wieder bei deiner Mutter, dass ich dir nicht helfe.

Tom geht ins Schlafzimmer. Jennifer weint. So hatte sie sich das Familienleben zu Dritt nicht vorgestellt. Tom war früher so aufgeschlossen. Er hat sie gerne verwöhnt und war sich nie für etwas zu schade. Abends im Bett kann sie nicht einschlafen. Hat sie sich in Tom getäuscht? Ihn zu sehr gedrängt mit ihrem Kinderwunsch? Merkt Carl das alles vielleicht jetzt schon? Mit Tom darüber zu sprechen fällt ihr schwer. Sie fühlt sich alleine gelassen. Sie guckt im Bett neben sich. Tom schläft tief und fest. Das war ja klar.

Analyse des Eltern-Konflikts

Neue Lebenssituation

Es ist durch Carl eine neue Lebenssituation entstanden. Das System Familie mit Jennifer als Mutter, Tom als Vater und Carl als Kind. Die neuen Rollen als Mutter und Vater bringen bei vielen Paaren große Erwartungen mit sich. Wie möchte ich als Mutter sein? Wie stelle ich mir meinen Mann als Vater vor? Wie möchte ich als Vater sein? Wie stelle ich mir meine Frau als Mutter vor? Und wie stellen wir uns unser Kind vor? Wie wird es sein? Bevor man Eltern wird (und besonders in der Zeit der Schwangerschaft, wenn es konkreter wird), sprechen Paare viel über das Leben als zukünftige Eltern.

„Du wirst bestimmt eine ganz gelassene Mutter“ oder „du bist bestimmt ein Vater mit viel Geduld“. Diese Vorhersagungen treffen, wenn das erste Kind geboren wird, mit harter Wucht auf eine Realität, die durch den Alltag bestimmt wird. Es ist nicht möglich sichere Vorhersagungen zu treffen, denn keiner weiß, wie der kleine Mensch seinen Start ins Leben findet. Vielleicht braucht das Kind am Anfang viel Unterstützung, um ins Leben zu finden. Vielleicht ist es auch ein entspanntes Kind mit klaren Bedürfnissen und dadurch einfach zufrieden zu stellen. Ein neues Leben bleibt immer ein Wunder.

Stressfaktoren, die eine Kommunikation verändern

In dem Beispiel sind viele Stressfaktoren zu erkennen. Jennifer und natürlich vielleicht auch Tom sind müde durch die anstrengenden Nächte mit Carl. Die Grundbedürfnisse von Jennifer werden zurückgestellt (Schlaf, Essen, Körperpflege). Das löst gerade über einen längeren Zeitraum einen akuten Stress aus. Das zeigt sich auch in ihrer Kommunikation, die kurz angebunden und gereizt ist. 

Tom spürt die Erwartungen von Jennifer am Wochenende für Entlastung zu sorgen. Als frischgebackener Vater hat er momentan nur am Wochenende die Kraft und Zeit sich mit Carl etwas länger zu beschäftigen und ist deshalb oft etwas ungeübt im Umgang mit Carl. Die neue Rolle als Versorger setzt auch ihn unter Druck. 

Das Schreien von Carl löst bei beiden einen hohen Stresspegel aus. Eltern haben das tiefe Bedürfnis ihr Kind, wenn es weint, trösten zu wollen und das Schreien möglichst schnell zu beenden.

Gegenseitige Erwartungen

Tom und Jennifer lieben sich sehr. Als Liebespaar sind sie ein super eingespieltes Team. Als Elternpaar sind sie gerade dabei zu wachsen und sich zu finden. Ein harmonisches und kraftvolles Elternpaar zu werden braucht seine Zeit. Gerade in der Anfangszeit des Elternseins sind die Energieressourcen oft auf beiden Seiten eher knapp. Die Erwartungen, dass der andere Part die Kraft und Stärke hat immer auszugleichen, ist oft ein Trugschluss, wenn beiden gerade an die Grenzen gehen. 

Frühere Verletzungen

In der Kommunikation von Jennifer und Tom sind Signale für mögliche frühere Verletzungen erkennbar. 

Zwei Beispiele:

Anerkennung, Wertschätzung, Respekt

Ich habe ihn vor 20 Minuten erst gestillt! Vielleicht kannst du ja auch mal versuchen ihn zu beruhigen. Spiel mit ihm oder schau mal ob er die Windeln voll hat.

Jennifer hat die Erwartung an Tom, dass er aktiv wird und sich um Carl kümmert. Diese Erwartung von ihr wurde in der Vergangenheit wahrscheinlich nicht immer (gleich) erfüllt, da sie sagt, dass er es ja auch mal versuchen kann. Sie empfindet die Situation so, dass Tom sich nicht genug bemüht. Kommunikativ zeigt sich klar, dass Jennifer gestresst ist und sich zeitnah eine Entlastung wünscht. Sie kann sich aber auch nicht zurückziehen und Tom selbst seinen Weg gehen lassen, sondern gibt ihm gleich einige Tipps an die Hand was er tun soll. 

Zugehörigkeit

Aber beschwere dich nachher nicht wieder bei deiner Mutter, dass ich dir nicht helfe.

Dieser Satz zeigt, dass Jennifer mit ihrer Mutter über ihre Probleme mit Tom redet und er davon weiss. Dies ist ihm nicht Recht, da er bei dieser Unterhaltung ein Thema ist und ausgeschlossen wird. Da er das Wort beschweren benutzt, denkt er, dass negativ über ihn gesprochen wird. Vielleicht bestehen auch Verletzungen zwischen Tom und Jennifers Mutter, da sie ihn eventuell schon einmal auf die Thematik angesprochen hat. Eine unangenehme Situation für Tom.

Lösung im Paar-Coaching

Die beiden haben das Ziel ein starkes Elternpaar zu werden, das bedeutet für Tom und Jennifer, dass sie gleiche Werte in der Erziehung haben und sich Erwartungen offen aussprechen können.

Bisher konnten Tom und Jennifer ihre Konflikte selbst recht gut lösen und hatten eine wertschätzende, harmonische Kommunikation untereinander. In der aktuellen Situation sind allerdings beide an ihrer Grenze. Sie wünschen sich professionelle Hilfe und googlen "Paarcoaching Hamburg".

Akute Besserung der Situation

Im Coaching ist es unser erster Schritt für die akute Situation zeitnahe Maßnahmen umzusetzen. Durch die Erklärung der neuen Lebenssituation, der Lebensregeln und dem Konzept des Elternpaars/Liebespaars wird ein erstes Verständnis aufgebaut. 

Im nächsten Schritt geht es darum, die eigenen Erwartungen auszusprechen. Was sind meine eigenen Bedürfnisse? Welche Erwartungen habe ich an meinen Partner / meine Partnerin?

Wir bauen praktische Strategien für den Alltag auf, die eine Entlastung für beide bedeuten um den Druck aus der akuten Situation rauszunehmen.

Langfristige, nachhaltige Lösung

Im weiteren Verlauf geht darum die Verletzungen aufzulösen, die zwischen Jennifer und Tom entstanden sind. Dies machen wir durch den Empowermentprozess, damit beide gegenseitig eine neue Haltung einnehmen können. 

Die erste Frage ist: Wann war es mal gut bei den beiden? Von dort aus an, gehen wir chronologisch vor. Im Beispiel mit Jennifers Mutter wäre die erste Verletzung bei Tom vielleicht der Moment, indem er mitbekommen hat, dass Jennifer mit ihrer Mutter über ihn (negativ) gesprochen hat. Das hat bei ihm ein sehr ungutes Gefühl ausgelöst. Jennifer kann Toms Gefühle und sein Leid dazu sehen und sagt, dass ihr die Situation leid tut und sie die Verantwortung dafür übernimmt. Die gesprochenen Worte von Jennifer lösen bei Tom eine Erleichterung und ein ruhiges Gefühl aus. Er fühlt sich von Jennifer gesehen. Schnell merkt er auch, dass sich seine Haltung ihr gegenüber verändert. 

Zusammen werden alle Verletzungen in der Vergangenheit aufgelöst, so dass beide eine neue Haltung zueinander aufbauen, die voller Respekt, Wertschätzung und Liebe ist. Jennifer und Tom haben die Lebensregeln kennengelernt, die ihnen im Umgang miteinander eine Orientierung bieten. Somit lösen sie nicht wieder eine Verletzung bei dem anderen aus oder falls doch einmal eine entsteht, kann diese sofort aufgelöst werden.

Im Empowermentcoaching erreichen wir also auf verschiedenen Ebenen das Ziel des Paares. Wir arbeiten direkte Handlungsstrategien aus (Ebene der Fähigkeiten und Umgebung) und nutzen auch die unteren Ebenen der Veränderung. Dadurch ist das Coaching nachhaltig und mit starker Wirkung. Würden wir nur auf der Ebene der Fähigkeiten bzw. des Verhaltens arbeiten, würde keine nachhaltige neue Haltung zwischen Jennifer und Tom entstehen. Diese ist aber eine Grundlage, sozusagen das Fundament des Hauses oder die Wurzeln des Baumes, für eine harmonische Beziehung zueinander.

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